Ja, Grüß Gott miteinander !
Seit meiner Italienreise im April hat sich viel getan. Der Sommer in Berlin hat mir einen kräftigen Realitätscheck verpasst. Jedoch überspringe ich diesen Teil hier und berichte euch über die wirklich spannenden Themen.
Also von vorne. Natürlich stellt sich bei jedem nun die Frage: Was möchte ich tun mit meinem Leben? Und um ehrlich zu sein, übt sowohl die Gesellschaft als auch alles um mich herum einen ganz schönen Druck auf diese Frage aus. Jedoch ist es total wichtig, von all dem Abstand zu nehmen und wirklich seinem Herzen und seiner Intuition zu folgen.
Mein Plan: nicht direkt an die Uni. Ich möchte erst mal etwas machen, was mir einfach Spaß bereitet. Also bin ich auf die Konditor-Ausbildung aufmerksam geworden. Leider gibt es in ganz Berlin nur 30 Ausbildungsbetriebe und umso weniger Plätze, da die ja drei Jahre belegt sind. Nach endlosen Absagen von Betrieben habe ich angefangen, mich in Österreich zu bewerben. Durch Zufall bin ich auf eine Anzeige in den Bergen von Österreich gestoßen, ein Resort-Hotel. Ich habe angerufen und meine Bewerbung hingeschickt. Am letzten Tag meiner möglichen Immatrikulation für Architektur in Köln bekam ich den Anruf, dass ich nun nach Österreich kann – eine Woche Probe, und wenn’s mir gefällt, darf ich bleiben.
Das Hotel befindet sich in Kärnten, ca. zwei Autostunden von Graz. Also Koffer gepackt, Zug gebucht und los geht’s. Zugegebenermaßen eine echt schwere Aufgabe zu packen. Für den Winter, falls ich bleiben sollte, müsste ich einiges mitnehmen. Zum Glück gibt es eine fantastische Zugverbindung zwischen Berlin und Graz. Wenn man früh genug bucht, findet man Tickets schon ab 40 €. Der Nachtzug fährt zwischen 10–13 Stunden.
Und so machen Mama und ich uns auf nach Österreich. Am Freitagabend in den Zug. Das Schlafabteil teilen wir mit vier anderen Frauen. Eine hat ihre kleine Tochter dabei. Es ist echt eng, aber die Frauen sind alle echt herzlich, weshalb wir uns schnell wohlfühlen. Wir bleiben noch ein bisschen wach, bis wir uns alle in unsere kleinen Betten legen und in die Nacht hineinfahren.
Erstaunlicherweise schlafe ich echt viel, insgesamt neun Stunden. Um drei werde ich kurz wach, da mir kalt ist. Ich finde jedoch schnell eine zweite Decke und schlafe weiter. Morgens beim Aufstehen sind schon alle weg. Alle sind in Wien ausgestiegen. Für uns geht es noch drei Stündchen weiter. Wir klappen alle Betten zusammen und frühstücken mit der Morgensonne im Gesicht durch die wunderschöne Berglandschaft in Österreich.🇦🇹


Angekommen in Graz, schnappen wir uns unser Mietauto. Wir haben eine herrliche Zeit. Käffchen auf dem Bauernmarkt, noch ein Stopp am See. Und so verabschiede ich mich einen Tag später von meiner Mami. Die Landschaft ist wunderschön, am Morgen fast schon heilsam. Das Arbeiten macht super viel Spaß und ich finde mich schnell in die Struktur des Hotels ein. Wir sind für das Kuchen- und Tortenbuffet am Nachmittag zuständig und das Dessert vom Abendmenü.


Ich lerne viel. Jedoch wird schon nach drei Tagen meine Lerngier nicht so befriedigt, wie ich’s mir wünsche. Es sind immer die selben Abläufe, die selben Teige. Ohne das Handwerk infrage zu stellen, frage ich mich: Wie viel Neues lernt man hier wirklich? Und ab wann ist alles nur noch Routine und fast schon Sklavenarbeit?
Auch an die Mentalität im Betrieb muss ich mich erst einmal gewöhnen. Ich merke schnell, dass die Arbeitskultur hier teilweise anders ist, als ich es aus Berlin kenne. Hierarchien und Autorität spielen eine deutlich größere Rolle, während ich es gewohnt bin, Fragen zu stellen, meine Meinung einzubringen und Dinge auch mal zu hinterfragen. Als Lehrling hat man hier dementsprechend eine sehr klar definierte Position und nur wenig Mitspracherecht. Das ist nicht unbedingt schlecht, aber für mich persönlich ungewohnt und auf Dauer schwierig.
Auch merke ich, dass ich mit meiner Art und meinen Vorstellungen nicht immer ganz in diese Umgebung passe. Die Menschen, mit denen ich arbeite, kommen größtenteils aus der Region und bringen natürlich ihre eigene Mentalität und ihre eigenen Vorstellungen von Arbeit mit. Ich möchte das gar nicht pauschal bewerten – es ist einfach eine andere Lebens- und Arbeitswelt, als ich sie bisher kennengelernt habe.
Nach zehn Tagen Arbeit in den Bergen muss ich mir selber eingestehen, dass es vielleicht nicht der Ort für mich ist, an dem ich die nächsten Jahre verbringen möchte. Dazu kommt, dass ich den Umgang des Unternehmens mit einigen Situationen als unreif und unprofessionell empfunden habe, sodass ich schließlich von einem Tag auf den anderen abreise.
Doch das ist okay. Ich habe noch einen anderen Platz in Innsbruck. Der würde jedoch erst im Dezember anfangen. Mal schauen, was das Leben mir noch so bringt. So fahre ich nun erstmal nach Graz.
eure traurige Brenda

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